HIV-Leitfaden      Startseite : Inhaltsverzeichnis : Therapie : Komplementäre Therapieformen bei HIV
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Grundlagen
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Vom Symptom zur Diagnose
Vorgehen bei diagnostizierter HIV-Infektion
Therapie
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Komplementäre Therapieformen bei HIV
Psychotherapie bei HIV-Patienten
HIV-assoziierte Krankheitsbilder
HIV-assoziierte Neoplasien
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Komplementäre ("alternative") Therapieformen bei HIV

Jürgen Brust

Bei allen chronischen und letztlich nicht heilbaren Erkrankungen besteht ein großes Interesse seitens der Patienten an ergänzenden Therapien aus dem Bereich der Naturheilkunde und Alternativmedizin. Dies gilt für die HIV-Infektion ebenso wie z.B. für Tumorerkrankungen oder rheumatische Erkrankungen. Schätzungen über das Ausmaß des Gebrauchs solcher Mittel liegen, je nach Definition was man unter alternativer Therapie versteht, bei 30-70 %. Lag früher ein Schwerpunkt auf pflanzlichen Extrakten, von denen man sich eine direkte Senkung der Viruslast erhoffte (Beispiel Hypericin), so liegt er heute eher bei Nahrungsergänzungsmitteln und bei Substanzen, die der Lipodystrophie und Lipoatrophie vorbeugen.

Besonders Patienten, die sich gesund fühlen und noch keinerlei Symptome der HIV Infektion haben, äußern oft den Wunsch, zunächst eine Stärkung des Immunsystems mit naturheilkundlichen Mitteln zu versuchen, bevor sie sich zu einer antiretroviralen Therapie entschließen können. Wird hier nur kategorisch und mit Hinweis auf die aktuellen Leitlinien der frühzeitige Einsatz einer antiretroviralen Therapie empfohlen, fühlen sich die Patienten unverstanden und mit ihren verständlichen Bedürfnissen alleine gelassen. In dieser Situation kann es hilfreich sein, dem Patienten die nötige Zeit zu lassen, bis er zu einer antiretroviralen Therapie bereit ist und ihn in Hinsicht auf die Einnahme von "immunstärkenden" Mitteln zu beraten. Dem gegenüber besteht allerdings die Gefahr, dass sich Patienten auf die komplementäre Therapie verlassen und die Einleitung einer dringend notwendigen ART verzögert oder verhindert wird. Es muss daher bei im Gespräch mit den Patienten ganz deutlich gemacht werden, dass es sich bei den genannten Therapien nicht um eine Alternative zu einer notwendigen antiretroviralen Therapie handelt.

Werden komplementäre Heilmittel und die HIV-spezifischen Medikamenten gleichzeitig eingenommen, besteht die Gefahr von Arzneimittel Wechselwirkungen. Das bekannteste Beispiel ist, dass die gleichzeitige Einnahme von Hypericin (Johanniskraut) und Proteaseinhibitoren zu einer Verringerung der Plasmaspiegel der Proteaseinhibitoren und zu einem Wirkverlust der ART führen kann. Ebenso können Grapefruitsaft und Knoblauchpräparate mit antiretroviralen Medikamenten interagieren. Weniger bekannt ist, dass die zeitgleiche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, die Mineralien wie Calcium, Magnesium und Eisen enthalten, die Resorption von Integraseinhibitoren verringern können. Diese Beobachtungen lassen vermuten, dass es noch weitere, bisher unbekannte Wechselwirkungen frei verkäuflicher Präparate mit HIV-spezifischen Medikamenten gibt. Bei einigen pflanzlichen Präparaten wurden zudem ernst zu nehmende Nebenwirkungen - insbesondere Hepatotoxizitäten - beschrieben (z. B. Kava Kava). Zu der Erhebung der Medikamentenanamnese gehört daher unbedingt auch das gezielte Fragen nach der Einnahme frei verkäuflicher Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmitteln.

Die folgende Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll lediglich eine Orientierung über die häufig angewandten Verfahren und Heilmittel geben:

Therapieverfahren Postulierte Wirkungen Bemerkungen
Substitution von Vitaminen
(v.a. Vitamine A, C, E )
Antioxidative Wirkung gegen
schädigende Sauerstoffradikale
Korrektur von Mangelzuständen sinnvoll
Vorsicht vor Überdosierung!
Substitution von Spurenelementen
(v.a. Selen, Zink )
Notwendig für antioxidative Enzyme, immunregulatorische Wirkung,
Wirkung auf Thymushormone
Korrektur von Mangelzuständen sinnvoll
Vorsicht vor Überdosierung!
Pflanzliche Immunstimulantien
(Echinacin, Taigawurzel, Krallendorn)
Stimulation der unspezifischen Immunantwort

Bei fortgeschrittener Erkrankung und Hochdosis-Therapie negative Effekte durch Stimulation infizierter Zellen nicht auszuschließen.

Pflanzliche Extrakte mit direkter
Anti-HIV-Wirkung

Hypericin (Johanniskraut), Glycyrrhizin,
Curcumin, Prunella vulg., Castanospermin, Compound Q

Direkte Wirkung auf die verschiedenen Schritte der Virusreplikation

Wirkung gegen HIV nur in vitro. Bisher kein Wirkungsnachweis bei Anwendung im menschlichen Organismus.

Symbioselenkung
(Symbioflor®, Omniflora®, Mutaflor®)
Korrektur einer bakteriellen Fehlbesiedlung des Darmes soll dessen Funktion als immunologisches Organ optimieren Positive Effekte bei Allergien, Hauterkrankungen und unspezifischen Diarrhöen möglich
Enzympräparate
(Wobenzym®, Phlogenzym®, Wobemugos® etc.)
Proteolytische Enzyme sollen zirkulierende Immunkomplexe inaktivieren und die Zytokinaktivitäten modulieren Wirkung nicht nachgewiesen
Mistelpräparate
(Iscador®, Abnoba viscum®, Helixor® etc.)
Immunmodulierende Wirkung,
Stabilisierung der TH1-Antwort
Bisher keine negativen Effekte auf das Immunsystem in offenen Phase II Studien beobachtet, dennoch immunstimulierende Dosierungen vermeiden. Allenfalls stabilisierende Wirkung möglich, keine Verbesserung hinsichtlich Viruslast oder Helferzellen.
Thymuspräparate
(Thymuvocal®, Thymoinjekt®,
Thymophysin® etc.)
Restauration der beeinträchtigten Thymusfunktion Zahlreiche verschiedene Präparate, die nicht miteinander vergleichbar sind. Widersprüchliche Studienergebnisse.
Homöopathie
(Einzelsubstanzen, Konstitutionsmittel, Komplexpräparate )
Regulationstherapie mit potenzierten Arzneimitteln nach der Theorie Hahnemanns oder der Homotoxinlehre Als Begleittherapie in der Regel unbedenklich
Anthroposophische Medizin
Einsatz von speziellen anthroposophischen Medikamenten, zusätzlich Kunsttherapie (Malen, Plastizieren, Musiktherapie), Sprachgestaltung, Heileurythmie, rhythmische Massage, Biographiearbeit
Ganzheitlicher Therapieansatz nach der Lehre von Rudolf Steiner.
Die Einseitigkeit der naturwissenschaftlichen Medizin soll durch Einwirken auf Körper, Seele und Geist des Patienten überwunden werden.
Patientenorientierte Therapie mit oft günstigen Auswirkungen auf das Befinden und den Verlauf. Eigenaktivität des Patienten gefragt
Pseudowissenschaftliche Verfahren
z.B. obskure Immuntherapien, Bioresonanz, etc.
Teils virtuos den naturwissenschaftlichen Sprachschatz nutzende Begründungen Skepsis angebracht, insbesondere bei unrealistischen Heilversprechungen, hohen Kosten und Medienrummel
Glutamin, Acetylcysterin Erhöhung des Gluthationsspiegels Wirksamkeit nicht nachgewiesen.
Carnithin Verbesserung der Lipodystrophie/Lipatrophie
Muskelaufbau
Wirksamkeit nicht nachgewiesen.
Therapieverfahren Postulierte Wirkungen Bemerkungen

 

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Seite zuletzt geändert am 21.04.2017 12:59:00